Schicht im Schacht? Familienleben trotz Schichtarbeit - wir zeigen wie!

Interview

Fragen an Dr. Christine Watrinet, Keynote-Speakerin auf dem Vereinbarkeitskongress „Schicht im Schacht“ am 2. Dezember 2019 in der IHK Frankfurt am Main


Frau Dr. Watrinet, Sie arbeiten seit fast zwei Dekaden zum Thema Schichtarbeit. Was hat sich Wesentliches in dieser Zeit verändert?

Die Nachfrage nach und der Bedarf an Flexibilität haben inzwischen sehr stark zugenommen, und das sowohl auf Seiten der Unternehmen als auch auf Seiten der Mitarbeitenden. Einerseits müssen Unternehmen stärker und schneller auf Schwankungen in der Nachfrage und damit auch in der betrieblichen Auslastung reagieren, andererseits aber auch der zunehmenden Individualität ihrer Mitarbeitenden Rechnung tragen. Hier beobachten wir seit geraumer Zeit eine Veränderung der Arbeitswerte über alle Generationen hinweg. Je bunter und vielfältiger unsere Gesellschaft wird, desto stärker wird auch die Forderung nach Diversity-gerechter Arbeitszeitgestaltung.

Ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie denn überhaupt trotz Schichtarbeit möglich?

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist sehr gut möglich. Wir bevorzugen es mittlerweile, von der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu sprechen, denn Familie stellt eben nur einen, wenn auch wichtigen Teil des Privatlebens dar. Gerade für Schichtdienstleistende mit Familie gibt es heute jedoch gute Lösungen, mit denen Vereinbarkeit gelingen kann. Dazu müssen Unternehmen weg von Standardmodellen und hin zu individuellen Schichtmodellen kommen. Das kann von Schicht-Untergruppen, die auch mal nur aus einer Person bestehen, bis hin zu versetzten Schichten, die man oft in der Pflege sieht, reichen. Mittels einer bedarfsgerechten Planung ist es möglich, Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter in individuelle Schichtrhythmen einzubinden, was diesen dann auch bei der Planung und damit bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hilft.

Können auch kleine und mittlere Unternehmen eine Möglichkeit finden, Vereinbarkeit zu realisieren?

Natürlich. Dabei muss sicherlich ein höheres Maß an Flexibilität an den Tag gelegt werden, doch selbst mit zehn Mitarbeitenden kann eine Lösung gefunden werden, die für alle passt. In dieser Hinsicht realisieren wird gerade ein Pilotprojekt. In einem geregelten Schichtplan haben wir bestimmte Schichten getauscht und unterschiedliche Arbeitszeitumfänge miteinander kombiniert. Diese reichen von 40 bis 35 Stunden, aber auch nur 32 Stunden wären denkbar, denn Schichtarbeit ist auch sehr gut in Teilzeit möglich. Obwohl die Nachfrage stetig wächst, tun sich viele Arbeitgeber hier leider immer noch schwer.

Das klingt ja alles sehr positiv. Ist Schichtarbeit denn nicht auch eine Herausforderung?

Schichtarbeit ist eine riesige Herausforderung. Der Körper muss sich permanent auf unterschiedliche Schlaf- und Wachzeiten einstellen. Dementsprechend brauchen Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter auch deutlich mehr Disziplin als Beschäftigte in geregelter Arbeitszeit. Jeder hat einen inneren Schweinehund, der bei Schichtarbeit noch etwas schwieriger zu besänftigen ist.  

Kann sich Schichtarbeit auch positiv auf die Familie auswirken?

Insofern als dass viele Krankenschwestern bevorzugt in Nachtschichten arbeiten, um morgens nach Hause gehen und ab Mittag wieder für ihre Kinder da sein können, ja. Es gibt einige Mütter, die nur arbeiten gehen können, weil sie eben nachts arbeiten. Dies Beispiel darf nicht so verstanden werden, alsdaß Nachtarbeit das probate Mittel für die Vereinbarkeit ist, es gibt auch andere Schichtarten und Kombinationen, wie schon ausgeführt, die Vereinbarkeit ermöglichen. Und natürlich müssen sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer in dieser Situation auf die Gesundheit des Betroffenen achten. Kann dieser die permanenten Nachtschichten nicht mehr so einfach wegstecken, muss eine andere Lösung gefunden werden, damit kein Raubbau an der Gesundheit betrieben wird.

Apropos Gesundheit: Welche Präventivmaßnahmen kann ein Unternehmen anwenden, um die Gesundheit seiner Mitarbeiter zu erhalten?

Zum einen müssen Unternehmen prüfen, dass die klassischen Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements auch den Mitarbeitenden im Schichtdienst zugänglich sind. Wird beispielsweise ein Yogakurs oder eine Rückenschule immer nachmittags um 16.00 Uhr angeboten, dann kann ein Schichtdienstleistender schlecht daran teilnehmen. Hier braucht es spezielle Angebote, die auch mal vor einer Nachtschicht stattfinden.

Zum anderen müssen Unternehmen generelles Wissen über den Biorhythmus vermitteln. Dieser unterscheidet sich von Mensch zu Mensch geringfügig; es gibt, wie man sagt, Lärchen, also Frühaufsteher, und Eulen, also Nachtschwärmer. Hier spielt individuelle Schichtplanung insbesondere für ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine große Rolle, denn man kann nicht permanent bis zum Renteneintritt gegen den eigenen Rhythmus arbeiten.

Ganz generell müssen Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter genauso auf gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung achten wie Beschäftigte in Normalzeit auch. Natürlich kommt es hier zu besonderen Herausforderung: So sollten sie zwischen 0.00 und 06.00 Uhr nicht zu viele kurzkettige Kohlenhydrate zu sich nehmen, da dies schnell zur Gewichtszunahme führt. Ganz erfahrene Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter entwickeln ihren eigenen Rhythmus und schaffen es, Hauptmahlzeiten immer fast zur selben Zeit zu essen, was dem Körper einen zusätzlichen Fixpunkt bietet. Es gilt, auf den Körper zu hören und die eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.

Sind durchschnittlich mehr Männer oder Frauen in der Schichtarbeit tätig? Gibt es hier genderspezifische Herausforderungen?

Das hängt natürlich von der Definition von „Schichtarbeit“ und von der Branche ab. Wir sehen hier immer noch eine starke Segregation der Geschlechter: Mehr Männer in der Industrie, mehr Frauen in der in der Pflege. Genderspezifische Herausforderungen gibt es dabei allerdings kaum; sowohl Männer als auch Frauen bringen individuelle Voraussetzungen und persönliche Ressourcen mit, die bestimmen, wie gut sie mit permanent wechselnden Wach- und Schlafphasen umgehen können. Wie bereits erwähnt, spielt der Biorhythmus hier eine große Rolle. Aus Lärchen werden keine Eulen und umgekehrt. Die Sonne ist Taktgeber unseres Lebens. In diesem Sinne kann man Schichtarbeit gut mit einer Reise in die USA oder nach Asien vergleichen. Am Anfang hat man einen ziemlichen Jetlag, doch nach einigen Tagen mit dem anderen Sonnenstand  – bei dem einen schneller, bei dem anderen langsamer, abhängig von der jeweiligen Bioelastizität –, hat sich der Körper umgestellt und vollständig angepasst. Das ist nur möglich, weil er sich nach der Sonne richtet. Auch bei Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeitern versucht der Körper sich an die Nachtarbeit anzupassen, , doch das gelingt nicht vollkommen . Selbst wenn sie fünfmal am Stück Nachtdienst leisten, ist es für sie nicht möglich, am Tag die gleiche Tiefschlafphase zu erreichen wie in der Nacht. Genau diese Tiefschlafphase braucht es aber, um langfristig gesund zu bleiben. Man kann deshalb nicht sagen, dass Schichtarbeit per se krank macht. Sie stellt ein erhöhtes Risiko dar, und das für beide Geschlechter, doch mit der genauen Kenntnis des eigenen Körpers – und natürlich auch mit der richtigen Schichtplanung – kann auch dieses Risiko und die Belastung durch Schichtarbeit minimiert werden.

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© Dr. Christine Watrinet

Dr. Christine Watrinet


  • Studium der Wirtschaftswissenschaften in Bonn und Hohenheim, Promotion Universität Karlsruhe (heute KIT) bei Prof. Dr. Knauth, an ihm kommt man in Sachen Schichtarbeit nicht vorbei ;-)
  • Leitet beim Das Demographie Netzwerk, ddn e.V., den Arbeitskreis Arbeitsorganisation und Gestaltung (Schwerpunktthema Arbeitszeit)
  • Gibt ihr Wissen gerne weiter: im Rahmen von Lehraufträgen, zurzeit an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und als Mentorin u.a. für weibliche Nachwuchsführungskräfte und JungingenieurInnen
  • Kennt das Thema Vereinbarkeit bestens aus eigener Erfahrung, ihre Kinder sind inzwischen 26 und 30 Jahre alt
  • Langjährige Erfahrung in sämtlichen Themen eines zukunftsfähigen Personalmanagements
  • Verknüpft  seit 2002 die Themen Diversity Management und Arbeitszeit- insbesondere Schichtarbeit kreativ und praxistauglich 
  • Ausgründung der ars serendi GmbH, Beratung zu eben diesen Themen, aus dem KIT in 2009
  • Kunden aus vielen Branchen, u.a. auch in der Pflege, Gastronomie/Catering, öffentlicher Dienst, Chemie, Metall 
  • Herausforderungen der Gastronomie sind ihr auch aus ihrer Rolle als Aufsichtsrätin der Badischen Staatsbrauerei Rothaus AG mit Gasthof und Hotelbetrieb bestens vertraut
 

 

 

Logobild Kongress Schicht im Schacht? 02.12.2019